Energiewirtschaft im Wandel

Der Arbeitskreis Energie+Wasser traf sich Ende Mai in Köln zur 36. Sitzung

Gerald Stuer wurde als neuer stellvertretender Arbeitskreisleiter gewählt

 

Nicht nur die Überlegungen zur Neustrukturierung von Eon und RWE zeigen, dass sich die Energiewirtschaft insgesamt in einem stetigen Wandlungsprozess befindet. Ausgelöst wurde der Prozess durch die Liberalisierung Ende des letzten Jahrtausends. Weitere Wendepunkte sind zum Beispiel der Atomausstieg, die Dezentralisierung der Erzeugung u.a. durch Biogas, Wind- und Solarenergie und der zurzeit noch diskutierte Kohleausstieg. Als Businesspartner begleitet der Controller in einem EVU das Management durch diese teilweise disruptiven Entwicklungen.

Der Arbeitskreis Energie+Wasser bietet den Controllern aus der Energiewirtschaft Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches und des „Netzwerkens“. Auf Einladung von Stefan Dott von der rhenag Rheinische Energie AG trafen sich die Controller Ende Mai 2018 zur 36. Sitzung in Köln.  In der Sitzung wurden eine Vielzahl von unterschiedlichen Themen diskutiert, mit denen sich die Controller zurzeit beschäftigen. Diskutiert wurden z. B. Ansätze für die Neuausrichtung des Vertriebscontrollings, Auswirkungen der Digitalisierung auf die Geschäftsprozesse, Einsatz und Nutzen von Methoden im Bereich Big Data und Predictive Analytics und von Monte-Carlo-Simulationen in der Wirtschaftsplanung und Ansätze zur Bemessung von Gewinnausschüttungen.

In Ihrem Beitrag zum Vertriebscontrolling stellen Stefan Dott und Urs Kortas (rhenag Rheinische Energie AG) folgende Thesen auf:

  • Die Energiebranche wird sich weiter verändern (wesentliche Treiber sind u.a. Digitalisierung, Dezentralisierung und Dekarbonisierung).

  • Neue Geschäftsfelder entstehen, Start-ups entwickeln innovative Lösungen und getrennte Märkte wachsen zusammen.

  • Strategische Aspekte rücken stärker in den Vordergrund; das Controlling muss daher bereits in der Strategieentwicklung eingebunden sein.

  • Der Controller als bisheriger Business-Partner der Entscheider wird zunehmend zum „Strategischen Co-Pilot“ für das Management.

  • Die DB-Rechnung bleibt ein wesentliches Element des Vertriebscontrollings, um wirtschaftliche Auswirkungen von Vertriebsaktivitäten aus unterschiedlichen Blickwinkeln abzubilden, wobei der Aufbau und die Struktur der DB-Rechnung entscheidend für deren Aussagefähigkeit ist.

  • Die Bewertung und inhaltliche Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der DB-Rechnung ist entscheidend, mit der DB-Rechnung sollen Abweichungen bzw. Muster erkannt und Handlungen ausgelöst werden.

Michael Lengenfelder (prevero) erläuterte einen Ansatz, wie mit Hilfe der Monte-Carlo-Simulation über alle Risiken in einem Unternehmen KPIs zu Worst Case, Best Case und Base Case gewonnen werden können. Im Ergebnis können so die Auswirkungen unterschiedlicher Risiken auf die Bilanz, die Gewinn- und Verlust- und die Cash-flow-Rechnung simuliert werden.

Predictive Analytics ist ein Spielfeld, mit dem sich Klaus Seifert (Cubalytics) schon seit langem professionell beschäftigt. In der Sitzung stellte er einige Ergebnisse seiner Analysen vor. Bei Energieversorgungsunternehmen sieht er Einsatzfelder z. B. bei der operativen Energieproduktionssteuerung, der Erstellung von Nachfrageprognosen, bei der vorausschauenden Wartung von Anlagen, der automatisierten Disposition und im Qualitätswesen. Gute Ergebnisse lassen sich hier, so Klaus Seifert, nicht mit Triviallösungen, wie z. B. „Lineare Regression“ erzielen. Die Kombination von Verfahren, wie z. B. Entscheidungsbaum/Random Forest, Neuronale Netze, Clustering oder Nächste-Nachbarn-Klassifikation (KNN) führen in der Regel zu besseren Ergebnissen.

Die Diskussion nach dem Referat vom Hendrik Himmelreich (rhenag Rheinische Energie AG) zum Thema Digitalisierung von Geschäftsmodellen führte zu dem Ergebnis, dass die Digitalisierung vorhandener Geschäftsprozesse eine völlig andere Herangehensweise erfordert als die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle. Für die Einführung von digitalen Prozessen schlug Hendrik Himmelmann eine schrittweise Vorgehensweise vor: „Klein anfangen und zuerst die wesentlichen Kernprozesse definieren und optimieren“. Digitalisierung wird stattfinden, sie ist kein „Monster“, die Digitalisierung für sich selbst messbar machen, dies waren seine abschließende Empfehlungen.

Christian Stürner (Stadtwerke Tuttlingen) erläuterte in seinem Beitrag, dass die Gewinn­abführungen bei Energieversorgungsunternehmen in vielen Fällen zu hoch sind, da sich diese nicht an dem Finanzbedarf der Unternehmen ausrichten, sondern von den Kommunen als Finan­zierungs­quelle für die meist klammen Haushalte gesehen werden. Eine Ursache für überhöhte Ausschüttungen sind die bilanziellen Abschrei-bungen. Die hierdurch „reser­vierten“ Mittel reichen häufig nicht aus, anstehende InvestitionenDetail zu finan-zieren (Ausweis eines Scheingewinns, der dann ausgeschüttet wird). Deutlich wird dies, wenn z. B. die Finanzierung von neuen Erschließungsgebieten, von Solaranlagen oder Winderzeugungs­anlagen anstehen. Da Eigenkapitaleinlagen durch die Kommunen häufig ausscheiden, steigt entweder die Verschuldung durch Aufnahme von Fremdkapital oder es werden Investitionen vernach­lässigt.

Eine wichtige Personalie wurde zu Anfang der Sitzung geklärt. Gerald Stuer, Leiter Geschäftsfeld-/Unternehmenscontrolling bei den Stadtwerken in Kiel wurde zum neuen stellvertretenen Arbeitskreisleiter ernannt. Wir wünschen ihm auf diesem Weg viel Erfolg und Spaß bei seiner neuen Aufgabe.

Die nächste Sitzung des Arbeitskreises wird am 5./6. Dezember 2018 in Ulm stattfinden. Interessierte Controller aus der Energie- und Wasserwirtschaft können sich melden bei ulrich.dorprigter{bei}t-online.de.